Warum ...

... man auch mal umkehren kann.

Mountainbiker, Wanderer und die Forstwirtschaft.

Ein Buch mit vielen Kapiteln und oftmals auch mit den berühmten "Sieben Siegeln", weil der einen das Tun des anderen meist nicht verstehen will oder verstehen kann. Besonders heftig wird das gegenseitige Nichtverstehen immer dann, wenn Freizeitnutzung auf Holzeinschlag trifft. Gesperrte Wege ohne Umleitung sind ja auch nervig. Mindestens genauso nervig aber sind Waldbesucher, die sich bis ins Zentrum des Holzeinschlages vortasten, um dann den Waldarbeiter nach dem richtigen Weg zu fragen (jedenfalls in dem Fall, wo sie es unversehrt und lebend bis zum Waldarbeiter geschafft haben).

Zur Zeit kommen Waldbesitzer unter besonderen Druck, weil ihnen ihr Arbeitsalltag von einem kleinen, braunen Waldbewohner diktiert wird. Und dass kann einigen Stress mit sich bringen - für alle beteiligten, egal ob Käfer, Förster oder Biker. Ein Versuch der Aufklärung.

„Der Borkenkäfer – Aufzucht und Hege“

Jeder Gang ein neuer Borkenkäfer - und nach unten das Ganze noch mal

Hier nun also der Crashkurs in Sachen „Der Borkenkäfer – Aufzucht und Hege“. Diese Überschrift mag überraschen, doch wenn man sich so manchen (Klein)Privatwald anschaut, läuft dort eher ein Zuchtprogramm für Borkenkäfer, als dass man sich seiner Bekämpfung widmet.

Wenn wir von „Borkenkäfern“ reden, ist in der Regel der „Große Buchdrucker“ gemeint. Etwas in Hintergrund arbeitet unterstützend der Kupferstecher. Beide Mistviehcher arbeiten perfekt abgestimmt – der eine kümmert sich um die untere Hälfte der Fichten, der andere – der Kupferstecher – um die obere Hälfte der Fichte. Er mag halt lieber dünneres Holz. Steigen die Temperaturen im Frühjahr über 16°C, macht sich der Käfer, der in der Bodenstreu oder unter der Rinde überwintert hat, ans Werk. Er sucht sich eine Fichte und bohrt sich in die Rinde ein. Dann Partnersuche, Hochzeit, Gänge fressen, Eiablage, Larven schlüpfen, Gänge fressen, größer werden, noch mehr fressen, verpuppen, schlüpfen, ausfliegen, nächste Fichte suchen. Dann geht alles von vorne los. Ist das Wetter schön sonnig und trocken, freut das nicht nur den Mountainbiker, sondern auch den Borkenkäfer. Denn dann bekommt er im schlimmsten Fall bis zu drei Generation im Jahr hin – also der Borkenkäfer. Ein Borkenkäferweibchen legt bis zu 60 Eier – alle mit Mathe-Abitur dürfen jetzt mal ausrechen, wie viele Geburtstage sich allein ein Borkenkäfer für seine Urenkel merken muss.

Nun ist es für die Fichte ja nicht neu, dass es diese lästigen Käfer-Blagen gibt. Im Normalfall werden die meisten mit Harz eingeschleimt und es herrscht wieder Ruhe unter der Rinde. Unter der Rinde liegt die wichtigste Zellschicht für den Baum – der Bast. Hier werden Wasser und Nährstoffe transportiert. Sind dies Transportwege durch die Fraßgänge der Borkenkäfer unterbrochen, sieht es schlecht aus für den Baum – sehr schlecht. Wie gesagt – im Normalfall. Dumm nur, dass das, was den Biker und den Käfern freut – nämlich warmes und trockenes Wetter – für die Fichte der pure Stress ist. Oben brennt die Sonne und unten gibt es nix zu trinken. Und so kommt es, dass immer mehr Borkenkäfer über immer weniger abwehrbereiten Fichten herfallen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Käfer nicht mit einem „Heimatbaum“ zufriedengeben. Kaum geschlüpft geht’s für Käfer-Junior in die große, weite Welt, die im Wesentlichen aus der nächsten, noch halbwegs brauchbaren Fichte besteht. Es sollte halt noch etwas Platz sein für das erste persönlich Bohrloch. Ist die einen Fichte schon voll, geht’s halt zur nächsten.

Rücksicht funktioniert immer noch am besten

Kein Schrotschuss sonder die Einbohrlöcher der Borkenkäfer. Jedes Loch bedeutet ca. 60 neue Käfer.

Und genau hier setzt nun die Bekämpfung des Borkenkäfers an. Es muss irgendwie verhindert werden, dass die junge, dynamische Käfergeneration sich auf die Suche nach neuen Opferbäumen macht oder, wenn dies nicht verhindert werden kann, dass sich die neue Käfergeneration unter der Fichtenrinde ungestört entwickeln kann. Das geht aber nur – so tragisch das auch ist - indem die befallenen Bäume gefällt und aus dem Wald herausgeholt werden. Das Zeitfenster für diese Arbeiten ist – je nach Wetter – mal länger, mal kürzer – meist zu kurz.

Es muss also schnell gehen! Die befallenen Bäume müssen gesucht werden, gefällt und aus dem Wald gebracht werden. Und um das Dilemma perfekt zu machen: Verkaufen lassen sich Fichten kaum noch – es gibt einfach zu viele. Marktwirtschaft halt. Bereits abgestorbenen Fichten mit braunen Nadeln, die derzeit reichlich in der Gegend herumstehen – um die braucht man sich nicht mehr zu kümmern. Die mag kein Borkenkäfer mehr, da war er ja schon. Gefällt werden müssen genau die Fichten, die doch eigentlich noch so schön grün sind.

Und deshalb: Wir sollten Verständnis haben, wenn man in den kommenden Wochen mal vor einem gesperrten Weg steht. Es ist gefährlich, der Harvester hat hinten keine Augen, ist sowieso stärker als ein Wanderer- oder Mountainbikerschädel plus Helm (ein umfallender Baum übrigens auch) und fährt ja nicht zum Spaß im Wald herum. Jeder sollte im Moment froh sein, nur Wanderer oder Mountainbiker zu sein und nicht Fichtenwaldbesitzer.

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